Bereits die Bibel empfiehlt einen geordneten Rhythmus von Arbeit und Ruhe

Holy Days

Screenshot Leseprobe Freizeit

Holy Days: Bereits die Bibel empfiehlt einen geordneten Rhythmus von Arbeit und Ruhe

Bild: ELKB

Immer mehr Menschen spüren, dass die freie Zeit, der Urlaub, ein wichtiges Gegenwicht zum Zeitterror des Alltags darstellen. Dass es diese Unterbrechungen braucht, um zu sich selbst zu finden, können wir schon in der Bibel lesen.

Nein, das Wort Urlaub oder Freizeit kannten sie nicht, die Menschen, die zur Zeit der Bibel lebten und arbeiteten. Der Gedanke, für eine Woche alles stehen und liegen zu lassen und sich an einen Ort zu begeben, der Hunderte Kilometer entfernt lag, um dort zu entspannen, war ihnen völlig fremd – nicht nur weil ihnen die Fortbewegungsmittel fehlten. Die Sechstagewoche war unhinterfragt und ein mehrtägiger Urlaub undenkbar.

Ausgangspunkt: der Sabbat

Dennoch: Schon in der Bibel findet sich die Grundlegung für das, was wir heute Urlaub nennen – die »Holy Days«, die heiligen Tage. Ausgangspunkt ist der Sabbat als ein regelmäßig wiederkehrender Tag der Ruhe; denn auch zu diesen Urzeiten waren die Menschen nicht rast- und ruhelos. Auch sie kannten und stillten das Bedürfnis, auszuruhen und neue Kraft zu sammeln. »Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebten Tage ruhen« – Menschen kennen seit Urzeiten diese wohltuende Erfahrung der Ruhe.

Diese Strukturierung der Zeit ist schon in der biblischen Schöpfungsgeschichte angelegt. Die Vollendung der Schöpfung ist ja nicht der Mensch (der am sechsten Tag erschaffen wurde), sondern der siebte Tag, an dem Gott selbst ruhte und ihn heiligte.

Grundlage gelingenden Lebens

Und so besteht bereits an den ältesten Stellen des Alten Testaments kein Zweifel, dass der siebte Tag auch für den Menschen ein Ruhetag sein soll. Dieser Wechsel von Arbeits- und Ruhetagen strukturiert das Leben der Menschen. An diesem siebten Tag darf er nicht arbeiten bzw. soll er ruhen – was genau er tun soll, bleibt bei den Texten lange Zeit offen (z. B. Ex 20,10; Ex 23,12). Hier ist aber die Grundlage allen gelingenden menschlichen Lebens angesprochen, die bis heute unverändert besteht: Der Mensch existiert eben nicht nur aus seiner Arbeit heraus (also das, was er selbst schafft), sondern immer auch aus dem, was ihm geschenkt wird. Und gibt es ein deutlicheres Zeichen für ein Geschenk als ein Tag, an dem ich nichts leisten muss, sondern an dem mir freie Zeit geschenkt wird?

Geschenk

Laut Schöpfungsbericht heiligte Gott diesen Tag, sodass diesem Tag eine besondere Kraft innewohnt, die die Menschen spüren, wenn sie sich auf das Innere dieses Tages einlassen. Er ist etwas Besonderes, das unser Leben reich machen kann. Nicht auf uns und unsere Leistung kommt es an, sondern auf unsere Bereitschaft, dieses Geschenk anzunehmen. Schön verdeutlicht wird dies in der alttestamentlichen Erzählung vom Zug des Volkes Israel durch die Wüste, bei dem Gott sein Volk mit Manna versorgt, das sie an jedem Tag sammeln müssen. Nur am siebten Tag brauchen sie das nicht zu tun – denn am sechsten Tag wird ihnen das Doppelte gegeben, sodass es auch am Sabbat ausreicht (Ex 16,22 ff.).

Wir sind von Gott versorgt als seine geliebten Geschöpfe. Der wöchentliche freie Tag kann uns das immer wieder neu ins Bewusstsein rufen. Voraussetzung ist freilich dieses Vertrauen in Gott, der Glaube an ihn, der unser Leben geschaffen hat und trägt und begleitet. Nur dann kann ich wegschauen von meiner Leistung und an einem Tag in der Woche zur Ruhe kommen.

Stille, Ruhe, Entschleunigung

Diese Sabbattradition kann uns auch heute – auch wenn wir um den Unterschied zum christlichen Sonntag wissen – wichtige Impulse für unser Nachdenken über Freizeit und Urlaub geben (nicht umsonst hat sich in unserer Arbeitswelt der Begriff des »Sabbatjahres« erhalten). Menschen entdecken ja immer mehr wieder die »heiligen Orte«, die auch für den säkularen heutigen Menschen eine große Anziehungskraft gerade auch im Urlaub haben; und dazu gehören eben auch und vor allem unsere geöffneten Kirchen. Denn laut einer wissenschaftlichen Untersuchung der Universität Paderborn aus dem Jahr 2011 besuchen 53 Prozent im Urlaub »gerne / besonders gerne« eine Kirche, davon 47 Prozent als »Ort der Ruhe / um neue Kraft zu tanken«. Bei den »heiligen Zeiten« ist der Prozentsatz zwar noch niedriger, aber für immer mehr Menschen geht es im Urlaub nicht mehr primär nur um Sonne oder Event (auch wenn uns das die Tourismuswerbung vielleicht vermittelt), sondern auch um Stille, Ruhe, Entschleunigung; ja die Sinnfrage drängt sich gerade in dieser Zeit immer mehr in den Vordergrund. Der sogenannte Spirituelle Tourismus ist in aller Munde.

Ein Zeichen der Vernunft

Hier kann die Sabbattradition auch für den heutigen Menschen wichtige Impulse liefern. Wir verdanken uns letztendlich nicht uns selbst und unserer Schaffenskraft, sondern gelingendes Leben ist ein Geschenk, das ich in Ruhe empfangen darf. Und in diesen »Holy Days« sind die Menschen offener für diese Frage, hier haben sie Zeit und Ruhe, sich diesen Fragen zu stellen: Was ist der Sinn meines Lebens, und wer steht letztendlich hinter diesem meinem Leben?

In einer Erzählung aus dem Neuen Testament, die sonst eher wenig Beachtung findet, nimmt im Übrigen auch Jesus diesen lebenswichtigen Rhythmus von Arbeit und Erholung auf (Mk 6,30 f.) – er verordnet seinen Jüngern eine Ruhepause: »Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig.« Es war nämlich so viel zu tun, dass sie nicht einmal Zeit zum Essen hatten. Auch die Worte Jesu erinnern uns daran, dass wir einen geordneten Rhythmus von Arbeit und Entspannung brauchen. Zur Ruhe kommen und Abschalten, das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Vernunft – und Glaube. Und auch für Jesus war es selbstverständlich, dass der Sabbat für den Menschen da ist und nicht durch zu viele Gebote und Verbote seines eigentlichen Sinnes beraubt werden darf.

Die Sabbattradition kann unsere Gesellschaft daran erinnern, dass es diese Zeit gibt: unabhängig von unserer Leistung einfach sein zu dürfen. Gott schenkt uns Zeit zur Ruhe, in der wir wieder zu uns selbst finden können – und zu Gott.

Kirchenrat Thomas Roßmerkel ist Referent für Gottesdienst, Verkündigung sowie Kirche und Tourismus im Landeskirchenamt.


01.06.2018