Kirchliche Gemeinschaft in Zeiten gesellschaftlicher Fliehkräfte

Zusammen ist man weniger allein

na 2019-1 Leseprobe

»Zusammen ist man weniger allein« - dieser bekannte Buch- und Filmtitel passt sehr gut auch für unsere Kirche

Bild: ELKB

»Zusammen ist man weniger allein« – so hieß der deutsche Titel eines französischen Roman- und Kinobestsellers über eine Mehrgenerationen-WG in Paris. Passgenau könnte das auch für unsere Kirche stehen. Für Gemeinschaft, Liebe und Zuversicht in einer unübersichtlich gewordenen Welt mit ihren Abstiegs- und Orientierungsängsten.

Was waren das noch vor wenigen Jahrzehnten für herrlich unkomplizierte Zeiten, als man von »der« Gesellschaft sprechen konnte. Als es noch »die« Öffentlichkeit und demzufolge auch »die« öffentliche Meinung gab. Heute ist das alles nicht mehr so einfach. Die Dinge sind komplexer geworden, unsere Gesellschaft ist sozial, kulturell und religiös diverser als früher, hat sich immer weiter ausdifferenziert und atomisiert. Längst gibt es Teilöffentlichkeiten, die oft nur noch mit sich selbst in den abgeschotteten Echokammern der »sozialen« Netzwerke kommunizieren. Viele segmentierte gesellschaftliche Gruppen haben ein Eigenleben entwickelt und sich gegen Außenkontakte immunisiert. So rangiert dann Eigennutz, Ab- und Ausgrenzung vor Gemeinsinn.

Gefahr einer  Parallelgesellschaft

Zwar ist der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland angeblich immer noch besser als sein Ruf (s. Bertelsmann-Studie 12/2017), und es gibt unzählige Beispiele von Engagement fürs Gemeinwohl. Doch es besteht für Letzteres auch ein erhebliches Gefährdungsrisiko, das sich nicht nur auf kulturelle und religiöse Unterschiede, sondern noch mehr auf soziale Ungleichgewichte beim Wohlstands- und Teilhabeniveau gründet. Wo es dann an gegenseitiger Wahrnehmung des Lebensalltags fehlt, da ist der Weg zur Parallelgesellschaft nicht mehr weit.

Dazu kommt im Zeitalter von Algorithmen oder gar Fake News, dass gefühlte Wirklichkeiten und Verschwörungstheorien für Teile der Gesellschaft bisweilen dominanter werden als die Fakten-Wahrheit. Die Digitalisierung kann Kommunikations- und Arbeitsprozesse erleichtern, wenn sie nicht für manipulative Abschottung und Verstärkung von Ängsten missbraucht wird. Dass allerdings inzwischen weite Bereiche unseres Lebens von der Wiege bis zur Bahre ökonomisiert sind und dem Diktat der Beschleunigung und Vereinfachung unterliegen, macht den respektvollen Umgang im demokratischen Gemeinwesen nicht gerade leichter.

Eingeschränktes Zeitbudget

Erschwerend kommt der Zwang zu maximaler Mobilität und Flexibilität hinzu: So pendelt ein stetig zunehmendes Millionenheer Berufstätiger täglich oft mehrere Stunden und meist im Auto zwischen Wohn- und Arbeitsort hin und her. Das Zeitbudget für Freizeit und Familie daheim wird damit von vorneherein eingeschränkt, der Lebensmittelpunkt verschoben.

Kirche für alle – unter einem Dach

Die gesellschaftlichen Umbrüche stellen auch die mit Mitgliederverlusten konfrontierte Kirche vor neue Herausforderungen. Gemeinschafts- und Gemeindebegriff bedürfen einer ständigen Weiterentwicklung. Es gilt, einen Spagat hinzubekommen: Einerseits müssen zielgruppengenauere Angebote für die Menschen gemacht werden, andererseits muss der umfassende Anspruch von »Kirche für alle unter einem Dach« gelebt werden (Joh. 14, 2: »In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen«). Für die Kirche ist es dabei von unschätzbarem Vorteil, dass sie in der Kommunikation des Evangeliums zumindest potenziell das ideale, breitenwirksame Mittel gegen Resignation und Ängste besitzt. Sie verfügt über eine einzigartige Sprachfähigkeit und Tradition, die sonst kein anderer gesellschaftlicher Akteur hat.

Die Botschaft als bindende Klammer

Freilich braucht es besondere spirituelle Kraft, um den Menschen an verschiedenen Orten und in verschiedenen Lebenssituationen einen ganz spezifischen Zugang zur Liebe Gottes und damit auch zur Zuversicht in der Welt zu eröffnen. So verstanden darf die Kirche auch bei Mitgliederschwund ihre Botschaft nicht aufweichen, sondern muss im Gegenteil versuchen, diese als verbindende Klammer zwischen den separierten gesellschaftlichen Gruppen einzusetzen. Das betrifft sowohl ideologisch verhärtete Fronten (z. B. in der Migrationsfrage) als auch festgefahrene Stereotypen bei sozialen Schieflagen. Die Kirche sollte auch dort die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten nutzen und akzeptieren, wenn heutzutage mancher seinen Glauben anders als in der traditionellen Gemeinde leben will. Ihr ureigenes Proprium freilich ist und bleibt die personale spirituelle Gemeinschaft, das Reden, Beten und Singen von Angesicht zu Angesicht.

Mehr niedrigschwellige Angebote

In Zeiten des Umbruchs wie jetzt sind insbesondere das Selbstverständnis und der Aktionsradius der Kirchengemeinden gefragt. Gerade angesichts gesellschaftlicher Segmentierung sollten diese selbst bei Wahrung unterschiedlicher Frömmigkeitsstile nicht »wie eine Thermoskanne sein, die nur nach innen wärmt« (Heinz Zahrnt). Eine selbstgenügsame Wohlfühlgemeinde mit ihren eingefahrenen »Kreisen« wird es beim Werben um Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund schwer haben. Ob in der Stadt- oder Landgemeinde: Grundsätzlich sind für eine offene, zusammenführende und nicht vorwiegend am Bildungsbürgertum orientierte Kirche mehr niedrigschwellige Angebote in Umgangssprache nötig.

Spagat zwischen Tradition und Aufgeschlossenheit für Neues

Da zunehmend auch eine Vernetzung mit den Angeboten von Nachbargemeinden angesagt ist, wird die Kerngemeinde ohnehin am »grenzüberschreitenden« Wandel und an der digitalen Kommunikation kaum vorbeikommen. »Gemeinde« bietet auf der anderen Seite aber gerade auch in unserer schnelllebigen Zeit für viele, der Kirche zeitweise entfremdete Menschen irgendwann im Leben wieder Beheimatung – weniger medial als durch den persönlich erlebten Gottesdienst, durch altvertraute Liturgie und Lieder. Die Gemeinde ist also doppelt gefordert: unverwechselbar in der Tradition und gleichzeitig aufgeschlossen für Neues und Neue zu sein. Letzteres kann sich nicht nur auf zielgruppengerechte Gottesdienste beziehen, sondern muss auch eine stärkere Gewichtung von Kasualien und Besuchsdiensten beinhalten. Die Kerngemeinde muss über sich selbst hinauswachsen, will sie denn auch die eher distanzierten Kirchenmitglieder erreichen und ideologisch oder sozial voneinander entfernte Menschen in Beziehung bringen.

Nachholbedarf bei den Gemeinden

Es spricht für sich, dass die Kircheneintrittsstellen die Erfahrung gemacht haben, dass viele Wiedereingetretene die Kirche wegen deren christlicher Grundhaltung wertschätzen, aber keine besondere Gemeindeanbindung suchen. So ähnlich wird im Übrigen auch ein Teil der Briefwähler bei den jüngsten Kirchenvorstandswahlen gedacht haben. Hier bleibt noch einiger Nachholbedarf für die Kirchengemeinden – wenn sie denn auch gesellschaftliche Gruppenegoismen auflösen und Gemeinschaft fördern wollen.

Den geschlossenen Kreis erweitern

Auch in einer zunehmend atomisierten Gesellschaft darf die Kirche ihren volkskirchlichen Anspruch nicht aufgeben und muss im Sinne des christlichen Menschenbildes stets das Gemeinwohl, Solidarität und Gerechtigkeit im Blick haben. Gemeinschaftsstiftend – wie es viele Mitglieder vorrangig erwarten – kann sie z. B. mit der Etablierung Runder Tische und mit Online-Foren wirken. Oder auch durch das Fördern von bürgerschaftlichem Engagement und Netzwerken sowie beim diakonischen Engagement für die Schwachen. Will die Kirche also auch neue Räume besetzen, so darf sie nicht in den alten Kategorien von Kerngemeinde und homogener Gemeinschaft denken. Sie muss – ohne das »Ganze« aus den Augen zu verlieren – ihren oft noch zu sehr geschlossenen Kreis erweitern und lebenswirklich auf die Menschen in ihrer jeweiligen Lebenssituation und weltlichen Bindung zugehen.

Wichtiger als Inhalte und Strukturen sind allerdings Persönlichkeiten, die authentisch und vorbildhaft für die Frohe Botschaft, für Kirche und Gemeinde stehen – privat wie im Beruf, alleine und im Team. Der zersplitterten Gesellschaft muss signalisiert werden: Zusammen ist man weniger allein!

 

Der Journalist Stephan Bergmann war bis 2013 Leiter der Auslandsredaktion beim Bayerischen Fernsehen.


22.02.2019 / C.L.