Gerade in einer pluralen Gesellschaft sollten sich die christlichen Kirchen auf ihre Sendung besinnen

Ort des Heiligen – um der Menschen willen

na 2018-4 Leseprobe

Alois Knoller zeigt in seinem Beitrag auf, was Kirche einer Stadtgesellschaft alles bieten kann

Bild: ELKB

Es ist viel, was Kirche einer Stadtgesellschaft bieten kann: Räume für spirituelle Erfahrungen ebenso wie diakonische Angebote für diejenigen, die Unterstützung brauchen. Und bei allem sollte sie das Evangelium zur Geltung bringen.

Die Augsburger Moritzkirche ist längst ein ­Publikumsmagnet geworden. Sie genießt einen legendären Ruf, der sich weit über die Stadt, ja weit über Deutschland hinaus verbreitet hat. Die Moritzkirche, 2013 von dem Londoner Architektur-Designer John Pawson neu gestaltet, ist eine Ikone der Moderne geworden. Wer eintritt, sieht erst einmal nur strahlendes Weiß und intensives Licht. Und dann fällt der Blick von selbst auf die Holzplastik eines Mannes, der mit wehenden Gewändern und ausgestreckten Armen dem Betrachter entgegeneilt. Es ist der Christus Salvator (1634) des ­Barockbildhauers Georg Petel. Er steht, dramatisch erhöht auf einer Treppenanlage, im ­Zentrum der Apsis und übt eine bezwingende dynamische Anziehungskraft aus. Ihm, dem Kommenden, muss man entgegengehen.

Ort des Atemholens

Kirche in der säkularen Stadt? St. Moritz kann als Sinnbild dienen. Mittendrin liegt sie, im geschäftigen Trubel der Fußgängerzone und direkt an der Tramhaltestelle. Äußerlich nicht sonderlich spektakulär, aber es hat sich herumgesprochen, dass dort gut sein ist. Dass diese Kirche einen Raum eröffnet, der die Seele weit macht und spirituelle Erfahrungen ermöglicht. Oder auch nur ein Ort des Atemholens und Ausruhens ist. Unaufdringlich verweist der lichtstrahlende Kirchenraum auf Tiefendimensionen im Horizont der menschlichen Existenz. Das große Kreuz in der Seitenkapelle und weitere religiöse Bilder und Zeichen fallen erst auf den zweiten Blick auf. In einer pluralen und multioptionalen Gesellschaft, die jedem nahezu alles erlaubt, stellt die Moritzkirche zuerst diesen unverfügbaren weiten Raum für den ganz Anderen oder das ganz andere.

Selbstloser Dienst

Kirche als säkulare Alltagserfahrung ist zunächst zweckfrei. Einfach bloß Ort der Stille und der Weite. Ein Ort der Unterbrechung. Das ist schon viel angesichts permanenter Erreichbarkeit des heutigen Menschen durch Smartphone und soziale Netzwerke. Und angesichts einer nahezu permanenten Überflutung mit visuellen und akustischen Reizen. »Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken« (Mt 11,28), lautet die Verheißung Jesu, die in einer zeitgemäßen Stadtkirche eingelöst werden kann. Nicht einmal ein bestimmtes Bekenntnis nötigt dieser Freiraum dem Gast ab. Er darf als Skeptiker oder Glaubensferner in seiner Distanz bleiben, vielleicht nur berührt von einer leisen Ahnung, dass da mehr ist. Ohne dies benennen zu können, geschweige denn so etwas wie ein Gebet zu artikulieren.

Der selbstlose Dienst der Kirche zur Selbstfindung des Menschen vertieft sich in ihrem öffentlichen Gottesdienst – ein Service (so der englische Begriff für Gottesdienst), der scheinbar selbst unter Getauften immer weniger Anerkennung genießt. Jeder darf dort hinzukommen, womöglich nur für einen Augenblick oder in sicherer Deckung hinter den Säulen. Es ist kein exklusiver Mysterienkult, dem nur Eingeweihte beiwohnen dürfen. ­Ungeschützt öffnet sich der kirchliche Gottesdienst der säkularen Gesellschaft. Fremd und merkwürdig mögen dem Zufallsgast die Texte, Lieder und Riten anmuten – eine wunderliche Welt mythisch-mystischer Erzählungen, altertümlichen Sprechens und gestelzten Verhaltens. Und doch übt die religiöse Feier eine eigenartige Faszination aus, je nach Lebenslage auch Trost und Beruhigung, den wechselweise die musikalischen Melodien oder die literarischen Inhalte spenden können. Wie viele Filmregisseure greifen auf diese Atmosphäre als dramaturgisches Mittel zurück!

Unverzichtbarer Dienst an der Gesellschaft

Kirche leistet in der Gesellschaft natürlich auch unverzichtbare diakonisch-­caritative Dienste. Etwa in ihren Hunderten von Kindertagesstätten, die als Antwort auf die Verwahrlosung der Familien in der Ära der Industrialisierung als »Bewahranstalten« begonnen haben. Womöglich haben sie in Zeiten der flexiblen Arbeitswelt, die Männer wie Frauen gleichermaßen fordert, wiederum in erster Linie ein bergendes Umfeld samt verlässlicher Bezugspersonen für die Kinder zu sein. Zusätzlich können sie elementar christliche Lebensgestaltung vermitteln: die Feste im Jahreskreis, den Sonntag, das Beten, den Gottesdienst. Die Kita ­­St. Elisabeth in Augsburg-Lechhausen zum Beispiel ist mit 260 Plätzen eine der größten Einrichtungen in Bayern. Sie nimmt an allen innovativen Förderprogrammen teil, die auch bei Behinderungen und trotz Sprachdefiziten frühkindliche Entwicklung und Bildung optimal ermöglichen. Dass dort ein hoher Anteil an Migrantenkindern, oft muslimischer Herkunft, betreut wird, trübt keineswegs die christliche Prägung der Kita in Trägerschaft der katholischen Pfarrei; auch muslimische Eltern wissen darum und befürworten eine religiöse Erziehung.

Spezifisches Ethos

Ebenfalls aus dem klassischen kirchlichen Dienst der ambulanten häuslichen Krankenpflege sind die Sozialstationen hervorgegangen, oft heute in ökumenischer Trägerschaft. Sosehr sie auch ökonomischer Effizienz unterworfen sind, sollten sie doch von einem spezifisch christlichen Ethos geprägt sein. Wie schön, wenn die Pflegerinnen und Pfleger spüren ließen, dass im hilfsbedürftigen, kranken, leidgeplagten Menschen ihnen Christus selbst erscheint. Inzwischen haben die Verbände – Diakonie und Caritas – erkannt, dass die spirituelle Formung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so wichtig wie die fachliche Fortbildung ist.

Eng damit verbunden sind der Trost und die Fürsorge, die von der Klinikseelsorge und den christlichen Hospizen ausgeht. Gerade in der Krankheit wird der Mensch mit der Verletzlichkeit und Endlichkeit seiner Existenz konfrontiert. Vielleicht zum ersten Mal fragt er nach dem »Warum gerade ich?« und bangt darum, ob seine von der Krankheit aufgezwungenen Einschränkungen wieder einmal vorbeigehen oder wie trotz und mit ihnen weiterzuleben sein wird. Professionelle christliche Seelsorge kann in dieser Übergangsphase Begleitung bieten, die in ihrer geistlichen Tiefe über psychologische Gespräche hinausgeht. Diese Chance auszuschöpfen setzt neben hoher fachlicher Qualifikation natürlich ein überzeugtes christliches Bekenntnis der dort tätigen Mitarbeiter voraus.

Können andere das genauso gut?

Kirche muss auch Kirche sein wollen und sich der eigenen religiösen Quellen vergewissern, um als Religionsgemeinschaft in die Gesellschaft hineinzuwirken. Was nützte ihr emsiges soziales Tun, wenn der Glaube erkaltet wäre? Verstärkt sehen sich die Kirche seitens humanistischer und liberaler Vereinigungen dem Vorwurf ausgesetzt, ihr soziales Wirken werde fast zu hundert Prozent von der öffentlichen Hand refinanziert und könne deshalb genauso gut von einer anderen, einer säkularen Organisation ausgeübt werden. Abgesehen davon, dass diese kirchenkritische Sichtweise einige kostenträchtige Aspekte ausblendet, bei denen die Kirchen bei ihren Diensten für die Allgemeinheit nicht gefördert werden, reklamiert sie doch zu Recht die Unterscheidbarkeit von religiös motiviertem und rein säkularem Handeln. »Gleicht euch nicht dieser Welt an«, rät Paulus der christlichen Gemeinde in der Großstadt Rom, »sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist« (Röm 12,2).

Es braucht die Einrede der Kirchen

Dies heißt aber gerade nicht, dass die Kirchen eine Sonderexistenz führen sollten, wie ihnen aus evangelikaler und traditionalistischer Ecke zugeraunt wird. Aus ihrem Bekenntnis zu Jesus Christus hat die Kirche vielmehr ein prophetisches Amt auszuüben. Sie muss im öffentlichen Diskurs mitwirken und das Evangelium zur Geltung bringen – und sich eben gerade nicht aufs rein Religiöse zurückziehen. Prophetisch wirken, das heißt: den Menschen und das Menschliche über alle Zwecke hinaus als in sich wertvoll und unantastbar zu verteidigen, weil in Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist. Das Politische ist dem Christentum eingestiftet. Christen können nicht wegschauen, wenn Menschen an den Rand gedrängt, ausgegrenzt, verleumdet und angefeindet werden, wenn sie Instrumente ökonomischen Profits oder Objekte finanzieller Spekulationen werden, wenn sie unter den Zwang zur Konformität gestellt und in ihrer personalen Integrität infrage gestellt werden, wenn sie nur funktionieren sollen und dies zum Maßstab ihres Wertes gemacht wird. Konkret und kompetent braucht es dann die vernehmbare Einrede der Kirchen. Auch und gerade gegenüber einer Politik, die sich dezidiert als eine christliche versteht.

Der Diplom-Theologe Alois Knoller ist Feuilleton-Redakteur bei der Augsburger Allgemeine.


12.12.2018