Familiale Care-Arbeit ...

»Eigentlich gar nicht leistbar«

na 2021-3 Leseprobe

Familiale Care-Arbeit braucht bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen - zu diesem Schluss kommt Wibke Derboven in ihrem Beitrag für die nachrichten

Bild: ELKB

»Das Beste und Schwerste, was mir in meinem Leben passiert ist, sind meine Kinder.« Diesen Satz habe ich oft gehört. Auch auf mein Leben trifft dieser Satz zu. Seit ich eigene Kinder habe und dadurch viele andere Eltern erlebe, empfinde ich die derzeitige gesellschaftliche Konzentration auf Erwerbsarbeit – wenn es um Leistung, Anerkennung, aber auch Gestaltung der Rahmenbedingungen geht – als unangemessen und ungerecht.

Diverse Studien zeigen, dass Eltern großen Belastungen ausgesetzt sind (bspw. BMFSJ 2006; Merkle u. a. 2008; Jurczyk u. a. 2009; Lutz 2012). Trotzdem wird diesen Belastungen politisch nicht angemessen begegnet. Die derzeitige einseitige Konzentration auf Erwerbsarbeit führt dazu, dass die hohen Belastungen von Eltern – und generell von allen, die privat Sorgearbeit leisten – zu wenig Aufforderungscharakter zum politischen Handeln besitzen. Es braucht dringend einen realistischen Blick auf die Gesamtarbeitslast von Menschen. Und dafür ist es notwendig, auch die elterliche Versorgung von Kindern als Arbeit zu benennen und zu beforschen.

Es geht um die Belastungslage von Eltern

Im Zentrum dieses Artikels steht die Belastungslage von Eltern, wie sie sich zeigt, wenn ihre Tätigkeiten für ihre Kinder unter einer Arbeitsperspektive analysiert werden. Die Ergebnisse basieren auf qualitativen Interviews mit Eltern aus den verschiedensten sozio-ökonomischen Milieus, wobei die Interviewfragen auf anerkannte Dimensionen der Arbeitsforschung (Böhle 2010) Bezug nehmen. Die vollständige Studie ist in einer Buchveröffentlichung beschrieben (Derboven 2019). Um den Arbeitscharakter zu betonen, nutze ich für diese elterlichen Tätigkeiten den Begriff »familiale Care-Arbeit für Kinder«. In meiner Darstellung fließen Zitate von Eltern ein, denn sie selber finden die passendsten Worte für ihre Belastungslage.

Bewusster einseitiger Blick

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Artikel einen einseitigen Blick auf Elternschaft wirft. Die vielen sehr positiven Seiten von Elternschaft wie Sinn, Zufriedenheit und Freude bleiben hier unerwähnt. Erwähnt sei aber, dass diese positiven Seiten in keinster Weise gegen eine Arbeitsperspektive sprechen: Denn auch Erwerbsarbeit, die Freude bereitet, wird Arbeit genannt und im Unterschied zur familialen Care-Arbeit für Kinder sogar bezahlt. Warum ist Elternschaft »manchmal eigentlich gar nicht leistbar«? Die zentralen Gründe für die hohen Anforderungen an und Überforderungen von heutigen Eltern liegen in einer Gemengelage verschiedener Herausforderungen, wie die Ergebnisse meiner Studie zeigen. Folgende Anforderungen müssen Eltern heute meistern:

Anspruchsvolle und konfliktäre Ziele

Eltern verfolgen zwei übergeordnete Ziele, nämlich dass ihre Kinder erstens »später gut zurechtkommen« und zweitens »eine zufriedene Kindheit« haben. Es geht im Großen und Ganzen um die Herstellung eines guten ­Lebens für die Kinder jetzt und in der Zukunft als Erwachsene. In unserer heutigen Leistungsgesellschaft sind Eltern mit hohen gesellschaftlichen Anforderungen konfrontiert: Die »allgemeine Schwere des Lebens«, auf die sie ihre Kinder vorbereiten müssen, belastet sie sehr. So sehr, dass viele Eltern transzendente Praktiken wie Beten und Hoffen zur Reduzierung ihrer Sorgen anwenden (müssen).

»Also Ziel ist, dass sie auf jeden Fall bodenständige, anständige Menschen werden. Auf jeden Fall. Ich hoffe es. Bete immer so dafür in mir selber, dass sie so werden. Also mein Ziel ist es, dass sie auch stark genug sind, um so durch das schwere Leben weiterzukommen. Dass sie arbeiten und selbstständig sind.« (Frau V.)

Eltern wollen ihren Kindern aber nicht nur ein Rüstzeug für ein zukünftiges gutes Leben an die Hand geben, sondern ihnen gleichzeitig eine glückliche Kindheit ermöglichen. Dadurch kommt es zu Zielkonflikten zwischen Durchsetzung von Erziehungszielen und Eingehen auf den kindlichen Willen. Diese Zielkonflikte sind ein immanenter Bestandteil der heutigen familialen Care-Arbeit für Kinder.

Mangel an Zeit und/oder Geld

Eltern sehnen sich nach einem weniger kräftezehrenden Ablauf ihres Alltags und einer besseren Balance aus Erwerbsarbeit und familialer Care-Arbeit für ihre Kinder. Ihr Leben bleibt im Vereinbarkeits-Dilemma gefangen: »Mit Erwerbsarbeit geht es nicht, ohne aber auch nicht.« Genügend Zeit und genügend Geld sind notwendige Ressourcen für ein gutes Leben mit Kindern. Das eine schließt das andere aber oft aus. Eltern müssen zentrale Ressourcen managen, die sich reziprok zueinander verhalten: Die Verbesserung der einen notwendigen Ressource bringt zwangsläufig die Verschlechterung einer anderen notwendigen Ressource mit sich.

»Manchmal denke ich, wie geht es weiter? Ich kann bald nicht mehr. Meine Lütte sagt oft zu mir, leg dich schlafen. Da fühle ich mich dann total unwohl. Aber ich will eben alles richtig machen und genügend Zeit mit ihr verbringen. Aber das liebe Geld spielt eben auch eine Rolle, und vom Amt möchte ich nicht abhängig sein, weil ich möchte ihr auch ein Vorbild sein.« (Frau T.)

Unvorhergesehene Situationen führen an den Rand des Zusammenbruchs

Und selbst Eltern mit genügend Geld und mit einem Alltag, der durch ein »perfektes Unterstützungssystem« zeitlich im Allgemeinen »ganz gut läuft«, kommen in unvorhergesehenen Situationen an den »Rand eines Zusammenbruchs«.

»Wir [Mutter und Tochter] mussten fünf Tage in die Klinik. Und da – und ich bin auch wirklich ein Macher – habe ich wirklich eine halbe Stunde gedacht, ich weiß, warum die die Notaufnahme ins Erdgeschoss bauen. Damit keine Mütter aus dem Fenster springen. […] Wenn man so einen riesen Berg vor sich hat, dann denkt man so: ,Gott, ich will nicht, ich will jetzt gerne den Kopf in den Sand schmeißen.‘« (Frau N.)

Breites, herausforderndes Tätigkeitsspektrum

Das Tätigkeitsspektrum von Eltern ist sehr vielfältig: Sie versorgen und pflegen ihre Kinder, begleiten und beaufsichtigen ihre Kinder, entscheiden, planen und organisieren für ihre Kinder, bringen ihren Kindern Kompetenzen und (Schul-)Wissen bei, motivieren ihre Kinder zu sinnvollen Beschäftigungen und Aufgabenerledigungen, treiben ihre Kinder an und entwickeln ihre Kinder, um »später als Erwachsene gut zurechtzukommen«. Vergleicht man diese Aufgaben mit Aufgabenprofilen der Erwerbsarbeitssphäre, zeigt sich, dass das Anforderungsprofil von familialer Care-Arbeit für Kinder die Anforderungen verschiedenster, zum Teil hoch qualifizierter Berufe umspannt: Eltern sind sowohl Haushälterinnen, Pfleger, Alltagsbegleiterinnen und Fahrer als auch ­Manager, Lehrerinnen, Führungskräfte und Personalentwickler in einer Person. Sie sind sozusagen Allround-Arbeitskräfte. Tätigkeiten, die im Bereich von Erziehung liegen, werden von Eltern als die wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Teilaufgaben ihrer familialen Care-Arbeit für Kinder angesehen.

»Also Kinder erziehen ist richtig Arbeit, das sollte man nicht unterschätzen, da sind so viele Bereiche, so viele Berufe eigentlich, die wir abdecken in einer Person. Wenn das Kind da ist, denn müssen wir es erziehen von Anfang an. Erziehung ist wirklich tagtäglich, immer wieder. Und da kann man nicht sagen, so, eine Woche mache ich jetzt Pause, mache ich jetzt Urlaub, nein, Erziehung ist wirklich dauernd, ständig und immer und überall. Und das ist sehr anstrengend. […] Und das bedeutet auch, dass man sehr viel an sich selber arbeiten muss. […] Das ist ganz viel Arbeit.« (Frau Z.)

Hohe Bedeutung der persönlichen Stabilität

Eltern verfügen über viele Kompetenzen, die ihnen helfen, ihre Kinder zu versorgen. Diese lassen sich fünf Kompetenzbereichen zuordnen: Beziehungskompetenz, ­Erziehungskompetenz, Organisationskompetenz, Emotionskontrolle und persönliche Stabilität. Der letztgenannte Bereich reicht weit über den Kompetenzbegriff hinaus; ich habe ihn in meiner Studie dennoch unter den Kompetenzbegriff subsumiert, weil fast alle befragten Eltern auf die Frage nach ihren Kompetenzen auch über die Verfassung ihrer ganzen Person, d. h. über ihre persönliche Stabilität, gesprochen haben. Er subsumiert Kompetenzen, die die ganze Person umfassen, wie beispielsweise mentale Präsenz, Vorbildlichkeit, Leichtigkeit und Lebensfreude.

Mentale Kraft besitzen und Lebensfreude ausstrahlen

Fasst man die Kompetenzen von Eltern zusammen, so ergibt sich folgendes Kompetenzprofil: Familiale Care-Arbeit für Kinder braucht empathische, gelassene, streng-konsequente, verlässliche Personen, die Verantwortung übernehmen, planen und organisieren können, mentale Kraft besitzen, Lebensfreude ausstrahlen und deren eigene Lebensweise als moralisches und disziplinarisches Vorbild für zukünftig erfolgreiche und zufriedene Menschen taugt. Der Kompetenzbereich der persönlichen Stabilität hat eine besonders hohe Bedeutung für die »Härte« und »Schwere« der Arbeit von Eltern. Er ist weit schwerer zu beeinflussen als andere Kompetenzbereiche und verschließt sich punktuellen Beratungen und Schulungen. Insbesondere mentale Kraft und Vorbildlichkeit werden als unbedingt notwendig angesehen. Ein Mangel daran belastet Eltern sehr.

»Ich wollte jetzt eigentlich, dass mein Sohn Sport macht. Da haben wir schon eine Probestunde gehabt. Aber ich merke, es wird nicht so einfach sein, weil mein Kind nicht sofort da mitmachen würde. Also es würde sozusagen von mir Aktivität erfordern. Da habe ich einfach die Energie, die Kraft grad nicht für. […] Jetzt fahre ich ihn mit meinem Fahrrad zum Kindergarten. Eigentlich müsste er selber fahren, das müsste ich jetzt mal wieder machen. Aber da fehlt es an meiner Energie, dass ich morgens sage, du fährst jetzt mit deinem Fahrrad.« (Frau S.)

Druck zur Reflexion des eigenen Lebensstils

Elternschaft erhöht nicht nur den Druck zur Reflexion des eigenen Lebensstils, sondern führt oft weit darüber hinaus auch zur Selbstanrufung: Sei so, wie du es auch richtig für deine Kinder findest. Diese Selbstanrufung ist eine an sich selbst gestellte Anforderung, die ein hohes Maß an Selbstkontrolle und bei Nicht-Realisierbarkeit belastende Notlügen hervorbringen kann.

»Der Große denkt, ich gehe arbeiten. […] Ich bin gezwungen, mein Kind anzulügen. Ja, also ich will auf jeden Fall, dass die wissen: Also erst mal Schule auf jeden Fall, dann arbeiten. Dass das selbstverständlich ist, dass man arbeiten muss, um überhaupt durchs Leben zu kommen. Und dass sie halt diese Norm und diese Werte haben. Das ist so ein Ziel von mir. Und Aufgabe ist es, das halt gegenüber denen auch zu übermitteln irgendwie.«

Die Aufgabe, Kinder zu versorgen und auf eine Leistungsgesellschaft vorzubereiten, ist gesellschaftliche Arbeit, und zwar unter den derzeitigen Bedingungen »harte, schwere Arbeit«, die »manchmal eigentlich gar nicht leistbar« ist. Zunehmend wird öffentlich wirksam das aktuelle Leitbild der Vereinbarkeit von Familie und Beruf angezweifelt (bspw. Garsoffky/Sembach 2014). So erleben beispielsweise Menschen und belegen Studien, dass nicht die Begrenzung der Erwerbsarbeitszeit alleine Erwerbsarbeit familienfreundlich macht, sondern dass es auch darauf ankommt, in welchem Zustand die Menschen nach Hause kommen (Kratzer u. a. 2015).

Insbesondere wegen der hohen Bedeutung der persönlichen Stabilität ist ­familiale Care-Arbeit für Kinder darüber hinaus eine Arbeit der besonderen Art, die besondere gesellschaftliche Aufmerksamkeit, angemessene gesellschaftliche Anerkennung und gute gesellschaftliche Rahmenbedingungen braucht. Denn persönliche Stabilität ist nicht voraussetzungslos, sondern erfordert ein gutes, an der Gesellschaft teilhabendes Leben und ein wertschätzendes, unterstützendes gesellschaftliches Umfeld.

Dipl.-Ing. Wibke Derboven forscht und lehrt als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Technischen Universität Hamburg (TUHH) in den Feldern Lehr-/Lernforschung, Hochschulforschung sowie interkulturelle Forschung und (Care-)Arbeit.

Literaturtipps:

  • Böhle, Fritz (2010): Arbeit als Handeln. In: Böhle, Fritz; Voß, G. Günter; Wachtler, Günther (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden: Verl. für Sozialwiss. S. 151-176.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.) (2006): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik. Siebter Familienbericht. Berlin.
  • Derboven, Wibke (2019): Elternschaft als Arbeit. Familiales Care-Handeln für Kinder. Eine arbeitssoziologische Analyse. Bielefeld: tanscript.
  • Garsoffky, Susanne; Sembach, Britta (2014): Die Alles ist möglich-Lüge: Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. München: Pantheon.
  • Jurczyk, Karin; Schier, Michaela; Szymenderski, Peggy; Lange, Andreas; Voß, G. Günter (2009): Entgrenzte Arbeit – entgrenzte Familie. Grenzmanagement im Alltag als neue Herausforderung. Berlin: Ed. Sigma.
  • Kratzer, Nick; Menz, Wolfgang; Pangert, Barbara (Hrsg.) (2015): Work-Life-Balance – eine Frage der Leistungspolitik. Analysen und Gestaltungsansätze. Wiesbaden: Springer.
  • Lutz, Ronald (Hrsg.)(2012): Erschöpfte Familien. Wiesbaden: Verl. für Sozialwiss.
  • Merkle, Tanja; Wippermann, Carsten; Henry-Huthmacher, Christine; Borchard, Michael (2008): Eltern unter Druck. Selbstverständnisse, Befindlichkeiten und Bedürfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten. Stuttgart: Lucius & Lucius.

01.09.2021 / C.L.