Der Klimawandel erfordert ein Umdenken

Eine neue Reformation – oder eine andere Theologie?

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Braucht es angesichts des Klimawandels möglicherweise eine neue Theologie? Diese Frage stellt Dr. Wolfgang Schürger in seinem Beitrag

Bild: ELKB

Was sind die drängendsten Fragen oder Sorgen der Menschen, auf die Theologie eine Antwort geben sollte? Zu Zeiten Martin Luthers war es die Sorge um das Seelenheil – und die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben die befreiende Antwort. Und heute? Braucht es möglicherweise eine neue Reformation?

Die Stärke der reformatorischen Theologie Martin Luthers war, dass sie auf die drängendsten Fragen der Menschen seiner Zeit Antworten fand, die Perspektive und Hoffnung gaben. In einer Zeit, in der sich die Menschen vor allem um das Seelenheil angesichts des drohenden Endgerichts sorgten, war die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade der befreiende Impuls, der aus dem Kampf eines unbekannten Theologie-Dozenten eine dynamische Bewegung machte, die Kirche und Gesellschaft nachhaltig veränderte.

In Umfragen der letzten Jahre, die freilich alle vor Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine entstanden sind, nannte eine Mehrheit der Befragten regelmäßig die Herausforderungen durch den Klimawandel als größte Sorge für die Zukunft, selbst zu Zeiten der Corona-Pandemie1. Dass gerade die junge Generation sich ihrer Zukunftschancen beraubt sieht, macht sie weltweit eindrücklich durch die »Fridays for Future«-Proteste deutlich.

Braucht es eine neue Theologie?

Im angloamerikanischen Raum diskutieren Theologinnen und Theologen seit einigen Jahren daher bereits intensiv, ob es aufgrund der Herausforderungen des Klimawandels nicht einer neuen, ökologischen Reformation der Theologie bedarf: Angesichts der aktuellen ökologischen Herausforderungen reiche es nicht aus, christliche Umweltethik zu stärken und Menschen immer wieder neu aufzufordern, die Schöpfung zu bewahren. Vielmehr gehe es darum, das Gesamt der Theologie neu und kritisch zu denken. Neben dem Verhältnis von Mensch und Mitgeschöpf kommen hier dann auch Fragen der Soteriologie, Ekklesiologie und Eschatologie in den Blick.2 Es steht einer ecclesia semper reformanda also sicherlich gut an, diese aktuellen, planetaren Herausforderungen in den Blick zu nehmen, auf ihre theologischen Implikationen zu blicken und im eigenen Handeln auf diese Herausforderungen zu antworten.

Entgrenzte Möglichkeiten

Erdsystemwissenschaftler sprechen von der Gegenwart als einem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter, dem Anthropozän. Dieses sei dadurch gekennzeichnet, dass die Spezies Mensch erstmals in der Geschichte des Planeten die technologischen Möglichkeiten habe, das Erscheinungsbild der Erde über Generationen hinweg zu verändern und zu prägen. Paul Crutzen, der »Erfinder« des Begriffes, sah mit dem Anthropozän völlig neue Möglichkeiten gegeben, den von ihm bereits in den 1990er-Jahren beobachteten Klimawandel zu begrenzen – zum Beispiel durch großtechnologische Lösungen, durch die die Sonneneinstrahlung auf die Erde begrenzt wird. Den entgrenzten Möglichkeiten der Menschen entspricht bei ihm eine entgrenzte Verantwortung.

Sich selbst zurücknehmen

Diesen Chancen des Anthropozäns wurden in den Folgejahren sehr deutlich die Risiken gegenübergestellt, wenn die Menschheit dieser ihrer entgrenzten Verantwortung für das Erdsystem nicht gerecht wird. In diesem Zusammenhang wird dann in der Regel die Forderung laut, sich selbst zurückzunehmen und zu begrenzen, um anderen Spezies und kommenden Generationen Lebensraum zu bewahren.

Die Diskussion zeigt, wie unmittelbar christliche Theologie hier gefordert ist: Biblische und christliche Anthropologie rechnet stets mit der Fehlbarkeit und Endlichkeit des Menschen – dies kann nicht ohne Folgen bleiben für die Frage, mit welcher Tiefe menschliches Handeln in das Erdsystem eingreifen kann.

Klimaschutz als Frage der Gerechtigkeit und die bevorzugte Option der Kirche für die Schwachen

In seinem Urteil zum deutschen Klimaschutzgesetz vom 24. März 2021 betont das Bundesverfassungsgericht, dass Klimaschutz eine Frage der Gerechtigkeit zwischen den Generationen sei: »Das Grundgesetz verpflichtet unter bestimmten Voraussetzungen zur Sicherung grundrechtsgeschützter Freiheit über die Zeit und zur verhältnismäßigen Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen. Subjektivrechtlich schützen die Grundrechte als intertemporale Freiheitssicherung vor einer einseitigen Verlagerung der durch Art. 20a GG aufgegebenen Treibhausgasminderungslast in die Zukunft. Auch der objektivrechtliche Schutzauftrag des Art. 20a GG schließt die Notwendigkeit ein, mit den natürlichen Lebensgrundlagen so sorgsam umzugehen und sie der Nachwelt in solchem Zustand zu hinterlassen, dass nachfolgende Generationen diese nicht nur um den Preis radikaler eigener Enthaltsamkeit weiter bewahren könnten.«3

Entgrenzte Nächstenliebe

Gerechtigkeit und Eintreten für diejenigen, die keine Stimme haben, sind aber seit Langem Leitmotive christlicher Ethik und prägen die Partnerschaftsarbeit der Kirchen. Auf weltweiten ökumenischen Konferenzen wird schon seit den 1990er-Jahren immer wieder deutlich, dass Menschen im Globalen Süden am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden, während ihr Anteil an den globalen Treibhausgasemissionen historisch gering ist. Kirchliche Partnerschaftsarbeit hat in den 1970er- und 1980er-Jahren wesentlich dazu beigetragen, ungerechte Strukturen des Welthandels zu hinterfragen und Fair-Handels-Alternativen zu entwickeln. Die großen Partnerschaftswerke waren auch unter den Ersten, die Klimaschutz unter der Perspektive der weltweiten Gerechtigkeit (»Klimagerechtigkeit«) thematisiert haben.

Kirchliches Engagement für Klimaschutz ist also nichts anderes als entgrenzte Nächstenliebe angesichts der im Anthropozän entgrenzten Verantwortung der Menschheit: Eintreten für diejenigen, die jetzt schon am meisten unter der Erderwärmung leiden, und Eintreten für die Lebensmöglichkeiten zukünftiger Generationen und anderer Lebewesen.

Geschöpf unter Mitgeschöpfen

»Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt aller Kreatur (...) und noch erhält«, so lautet Martin Luthers Auslegung des ersten Glaubensartikels im Kleinen Katechismus. Wir Menschen sind keineswegs die »Krone der Schöpfung«, wie die populärwissenschaftliche Auslegung der biblischen Schöpfungserzählung nach wie vor glauben machen will, wir sind »geschaffen samt aller Kreatur«, Geschöpf unter Mitgeschöpfen, als Ebenbilder Gottes mit einer besonderen Verantwortung für ebendiese Mitgeschöpfe betraut.

In den Psalmen finden sich immer wieder Hinweise auf den Gottesbezug der nichtmenschlichen Kreaturen (Ps 24,1 Ps. 96,11–13), noch deutlicher wird dieser in den apokryphen Teilen des Daniel-Buches in der Aufforderung an alle Geschöpfe zum Lobpreis Gottes (Dan 3,76–81). Der Apostel Paulus weiß um die Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Mitgeschöpfen, wenn er davon spricht, dass alle Kreatur sich mit uns nach Erlösung sehnt (Röm 8,18–22).

Erlösung ist allen Menschen verheißen

Erlösung ist nach dieser Interpretation des Apostels also nicht nur uns Menschen verheißen, sondern allen Geschöpfen. In der großen Vision des messianischen Friedensreiches kommt dies ebenso deutlich zum Ausdruck: »Da wird der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böcklein lagern. Kalb und Löwe werden miteinander grasen, und ein kleiner Knabe wird sie leiten. Kuh und Bärin werden zusammen weiden, ihre Jungen beieinanderliegen, und der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt.« (Jes 11,6–9) In der wohlgeordneten Welt Gottes ist genug Raum für das friedliche Zusammenleben aller Geschöpfe; auch Psalm 104 bringt diese Gewissheit zum Ausdruck.

Die Möglichkeiten des Reiches Gottes offen halten

Es ist nicht Aufgabe von uns Menschen, dieses Friedensreich Gottes herbeizuführen. Aber mit Dietrich Bonhoeffer geht es christlicher Ethik stets darum, im Hier und Jetzt, im Vorletzten, die Möglichkeiten des Reiches Gottes offenzuhalten. Wo wir aber durch unser Handeln dazu beitragen, Lebensräume anderer Geschöpfe zu vernichten – sei es durch Abholzung, Zersiedelung oder anthropogene Erderwärmung –, da beschneiden wir diese Möglichkeiten. Eintreten für die schwachen anderen, freiwilliger Verzicht um der Lebensmöglichkeiten anderer und zukünftiger Generationen willen sowie die Frage danach, was genug ist zum guten Leben, sind Kernelemente christlicher Ethik durch die Jahrhunderte. Kirchliches Engagement für Klimaschutz geschieht in dieser ethischen Tradition.

Hoffnung wider alle Hoffnung

Ist der Kampf gegen die Erderwärmung noch zu gewinnen? Wir wissen es nicht. Manche Stimmen – auch von sonst so nüchternen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – werden immer »apokalyptischer«; Aktivisten wie »extinction rebellion« warnen explizit davor, dass wir uns selbst auslöschen, wenn wir den Klimawandel nicht begrenzen. Biblische Apokalyptik bedeutet aber nicht die Botschaft vom unausweichlichen Ende, sie ist geprägt von der Perspektive der Hoffnung, dies wurde schon oben anhand der Vision des messianischen Friedensreiches deutlich. Auch die Offenbarung des Johannes will ihren ersten Lesern nicht Angst und Schrecken einjagen, sondern sie vielmehr in unsicheren und erschreckenden Zeiten zum Durchhalten im Glauben ermutigen (Offb 2,1 ff., 3,7 ff.).

Gott als Garant für ein gutes Leben auch Zukunft

Die für uns heute befremdliche Bildwelt der Offenbarung ist für die Menschen an der Wende zum zweiten Jahrhundert leicht zu dechiffrieren, der Seher macht ihnen mit seinem Brief deutlich, dass Gott die Welt nicht aus den Händen geglitten ist. Am Ende steht daher nicht Vernichtung, sondern die neue Stadt Gottes, in der es sich zu leben lohnt.
Eine Großstadt übrigens, in der kristallklares Wasser fließt und Bäume wachsen, die zwölf Mal im Jahr Frucht bringen.

Theologie neu denken

Kirchliches Engagement für Klimaschutz geschieht in dieser Hoffnung, dass Gott selbst der Garant dafür ist, dass gutes Leben auf dieser Erde auch in Zukunft möglich ist! Brauchen wir also eine neue, ökologische Reformation? Martin Luther ging es darum, den homo incurvatus in seipsum aufzurichten, ihm neue Lebenszuversicht zu geben.
Kirchliches Engagement für eine lebenswerte Zukunft ist von solcher Lebenszuversicht ­getragen. Seine theologische Begründung findet es darin, dass Gottes Verheißung allen Geschöpfen gilt. Die Überzeugung, Geschöpf unter Mitgeschöpfen zu sein, wird zum ­Korrektiv menschlicher Selbstüberheblichkeit, die von einer christlichen Anthropozentrik über Jahrzehnte zumindest begünstigt wurde. Vielleicht also keine neue Reformation, aber doch der Versuch, Theologie neu und umfassender zu denken.

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1 So zuletzt in der im Oktober 2021 veröffentlichten Rheingold-Studie, https://www.rheingold-marktforschung.de/zukunftsstudie-2021-wie-deutsche-in-die-zukunft-blicken-2/, aufgerufen am 23.3.2022.

 2 Ein guter Überblick bei Ernst M. Conradie: What is God really up to in a Time like this? Discerning the Spirit’s Movements as Core Task of Christian Eco-Theology, in: Kairos for Creation. Confession Hope for the Earth, hrsg. v. Louk Andrianos u. a., Solingen (foedus) 2019, 31-44. Ausführlicher: Lisa E. Dahill, James B. Martin-Schramm (Hrsg.): Eco-Reformation. Grace and Hope for a Planet in Peril, Eugene, OR (Cascade Books) 2016, Ernst M. Conradie, Hilda P. Koster (Hrsg.): The T&T Clark Handbook on Christian Theology and Climate Change, London/ New York (T&T Clark) 2020.

3 https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2021/03/rs20210324_1bvr265618.html, 4. Leitsatz, aufgerufen am 23.3.2022.

Dr. Wolfgang Schürger ist der Beauftragte für kirchliche Umwelt- und Klimaarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.


01.06.2022 / C.L.