Ursachen, warum kirchliche Reformprozesse häufig scheitern

Das Problem mit dem Change

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Das Problem mit dem Change: Günther A Menne nennt fünf Ursachen, warum kirchliche Reformprozesse so häufig scheitern

Bild: ELKB

Reformprojekte in der Kirche sind keineswegs neu. Seit den 1990er-Jahren wurden die unterschiedlichsten Anläufe unternommen, um die Kirche mitgliederfreundlicher zu machen und Kirchenaustritten entgegenzuwirken. Der Erfolg: eher gering. Unser Autor beschreibt, warum das so ist.

Erinnert sich noch irgendjemand? Exakt ein Vierteljahrhundert ist es nun her, dass 1993 mit »misch Dich ein!« in Köln (1) jenes Reformprojekt an den Start ging, das von Eberhard Blanke in seiner Doktorarbeit 2010 »als ‚Mutter‘ christlicher Kommunikationskampagnen« (2) gewürdigt und von Steffen Hillebrecht (3) – zehn Jahre früher – schon differenziert als »nach außen erfolgreich und nach innen misslungen« (4) beurteilt wurde.

Mitgliederschwund, Bedeutungsverlust

Noch heute lässt sich an dem weltweit diskutierten und regional versandeten Prozess exemplarisch nachvollziehen, warum seither so mancher Reformationsversuch – bitte, denken Sie sich die Anführungszeichen mit – der evangelischen (und katholischen) Kirche die Schussfahrt ins Tal des Mitgliederschwundes der Organisation und des gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes der Institution nicht bremsen konnte. Fünf Ursachen für das Scheitern des Wandels lassen sich im Rückblick auf das Kölner Projekt ausmachen und auch jenseits der Rheinischen Tiefebene an vielen Stellen verorten.

Gleich nach der Initialzündung den Stecker gezogen

1. Halbherzigkeit: Das jähe Ende des bis dahin gefeierten Aufbruchs kam für alle Beteiligten überraschend in einer Straßenbahn auf dem Kölner Neumarkt. In einer dort inszenierten Pressekonferenz zum Start der Verkehrsmittelwerbung trat plötzlich der Mann vor die Mikrofone, ohne dessen Standfestigkeit in den zurückliegenden 12 Monaten das Projekt »misch Dich ein!« sicherlich nie an den Start gekommen wäre. Am Vorabend waren Manfred Kock (5) neue Prognosen des Kirchensteueraufkommens im nächsten Jahr bekannt geworden – nun verkündete er zur schieren Verblüffung aller Anwesenden: »Wir können uns das in Zukunft nicht mehr leisten.« Schon am Morgen danach titelte der Kölner Express: »Aus für die Millionenwerbung«, am Montag darauf der Spiegel: »Ein teurer Flop«. Konzeptionell angelegt als öffentlichkeitswirksame Initialzündung eines internen und zugleich öffentlich transparenten Organisationsentwicklungsprozesses, verbrannten nach diesem spontanen Kurzschluss, mit dem der Kampagne buchstäblich der Stecker gezogen wurde, alle Energien in einer medialen Stichflamme …

Larmoyante Distanz der Verantwortlichen

2. Trägheit: Dem Ereignis vorausgegangen war freilich bereits eine Auszehrung jener Kräfte, die nötig gewesen waren, die »Menschen vor Ort« (ein beliebter protestantischer Topos) zu einem beeindruckenden Votum zu bewegen: Nach einem Marathon des Kampagnenteams durch die 62 Gemeinden der vier Kölner Kirchenkreise, wo das Projekt allen in das Spitzengremium der Verbandsvertretung delegierten Presbyter/-innen vorgestellt worden war, stimmte eine Mehrheit von 85 Prozent des Kölner Kirchenparlamentes für »misch Dich ein!«.

Es folgten zahlreiche »Dialogstationen«, Workshops und ein zentrales »Abgesandten-Forum«, wo immerhin 250 Personen über die Inhalte und Motive der Kampagne entschieden. Was darauf nicht stattfand, war die breite Einmischung, sprich: eine Mitwirkung vieler Funktionsträger an den vorbereiteten Aktionen: Nur 15 Prozent all jener, die zuvor mit ihrem »Ja« grünes Licht für die Kampagne gegeben hatten, ließen ihrem Commitment auch Taten folgen. Die überwiegende Mehrheit der Akteure qua Amt verharrte in larmoyanter Distanz zu ihrem eigenen Beschluss.

Restauration statt Revolution

3. Illoyalität: Doch nicht allein das: Als das Projekt mediale Fahrt aufnahm – »Und sie bewegt sich doch!« kommentierte der Kölner Stadt-Anzeiger geradezu euphorisch die Öffnung der Kirche für einen Dialog mit ihren Mitgliedern und einer breiten Öffentlichkeit über Evangelium, Sprache, Gottesdienst und gesellschaftspolitische Positionen –, schlug auch die Stunde der pastoralen Defätisten: Mit ätzendem Hohn und Spott nutzten sie die Projektbühne, um sich dort (als auf Lebenszeit beamtete) Kirchenkritiker in eigenen Reihen zu profilieren. Natürlich gefiel der Presse auch das: Die Debatte geriet zum Gefecht in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen, und so mancher Getreue sehnte nun selbst das Ende herbei, bevor es auf jeder denkwürdigen Pressekonferenz dann ja schließlich auch ausgerufen wurde.

Im darauffolgenden Jahr schon schwang das Pendel – zunächst in die Position »Revolution« gebracht – dann langsam, aber gewaltig über seinen Massemittelpunkt hinweg zurück auf die Position »Restauration«. Nur ein Beispiel: Rasch kehrte man von den zu Anfang der 1990er-Jahre in Köln zusammen mit Künstlern, Schriftstellern und Politikern neu inszenierten (und aus einer überfüllten Trinitatiskirche im Deutschlandfunk national übertragenen) Reformationsfeiern zum klassischen Gottesdienst mit professoraler Vortragspredigt zurück – und war bald wieder unter sich.

4. Indolenz: Eigentümlich schmerzfrei ­erfolgte so ganz allmählich die Rückkehr zur Geschäftigkeit des »Klein-Klein« – intellektuell, ­theologisch, alltäglich –, während »misch Dich ein!« den Absolventinnen und Absolventen diverser Fakultäten auf Jahrzehnte hinaus Stoff für Diplomarbeiten und Dissertationen bot. Für die seinerzeit die Kölner Kampagne wissenschaftlich begleitende Theologin Anne Foerst – der eine Wiederentdeckung des »Vermittlungstheologen« Paul Tillich für die Gemeindepraxis zu verdanken war, die jedoch folgenlos blieb – wurde »misch Dich ein!« sogar zum Sprungbrett einer Universitätskarriere in den USA Was in Köln dann im Fahrwasser der gekenterten Kampagne noch folgte, war eine von der Unternehmensberatung Kienbaum & Partner durchgeführte »Studie zur Verbesserung der Binnenkommunikation«. Danach war es dann endgültig vorbei mit dem basisdemokratischen Aufbruch am Rhein – und das Projekt Geschichte.

5. Dysfunktionalität: War aber irgendwem ein persönlicher Vorwurf zu machen? War der Ausgang der Sache nicht eher systembedingt? Aus dem Fazit des allzu früh verstorbenen Agenturchefs und Pfarrerssohnes Matthias Lauk, das er tapfer vor der Kölner Gesamtsynode verlas (und dafür von den Anwesenden einen donnernden masochistisch-protestantischen Applaus erhielt), sprach jedenfalls eine tiefe persönliche Kränkung: »Die Kirche ist nicht beratungsfähig, weil sie sämtliche Impulse einer Erneuerung in einer nicht hinreichenden Organisation absorbiert.« (6) Sein harsches Urteil nimmt zugleich sachlich jene legendäre Organisationsanalyse von Annegret Böhmer und Doris Klappenbach vorweg, mit der sie 2007 der (evangelischen) Kirche eine »systemimmanente Dysfunktionalität« attestierten, die Lauk dreizehn Jahre zuvor mit nur einem Satz zu beschreiben wusste: »40 Pfarrer lieferten der Agentur 40 Wahrheiten« – und zwar in jeder Projektgruppensitzung aufs Neue.

Es ist besser, in einzelnen Bereichen zu beginnen

Pragmatisch – und konstruktiv – zurückblickend, denke ich heute: Reformprozesse können auch im Weltkonzern Gott, Sohn & Co. durchaus zum Laufen gebracht werden, ohne dass sie im Nirgendwo verenden müssen. Doch geht man den Change, wie ich gelernt habe, besser nicht unternehmensweit an, sondern in einzelnen Abteilungen, um im Bilde zu bleiben: Nur dort wird Vertrauen persönlich mandatiert und werden Mandatierungen auch persönlich verantwortet; einschlägige Kompetenz ebenso vorausgesetzt wie adäquate Ressourcen. Entscheidend aber für das Gelingen von derartigen Projekten (und damals auch für das Scheitern von »misch Dich ein!«) könnte ein Phänomen sein, das die Kolleginnen Böhmer und Klappenbach (7) luzide beobachtet und eindrücklich beschrieben haben:

Fast nie geht einem Projekt in der Kirche eine Klärung voraus, auf welcher Ebene es dort eigentlich anzusiedeln wäre: auf der Ebene der Organisation? Dann eignen sich hierarchisch-administrative Arbeitsformen. Auf der Ebene der Institution? Das erfordert synodal-demokratische Steuerungs- und Mitwirkungsprozesse. Oder auf der Ebene der Gemeinschaft der »Kirche als Kirche« (8)? In dem Fall ist eine charismatisch-spirituelle Ausrichtung der Prozesse eine gleichsam göttliche Wahl. In den meisten Fällen jedoch erfolgen – wie 1992 in Köln – genau diese Klärung und eine daraus resultierende konsequente strategische Entscheidung nicht. Und darum wäre künftig das schöne Geld (zunächst einmal) wohl sinnvoller in ein Coaching investiert, das diesen dreifachen Blick der Verantwortlichen auf die Aufgabe schärft, statt in den x-ten Reformprozess oder die nächste Kommunikationskampagne.

Endnoten:
(1) Vom damaligen Evangelischen Stadtkirchenverband Köln (f.: ESK) durchgeführt.
(2) Blanke, Eberhard: Kommunikationskampagnen, Ansätze und Kriterien einer praktischen-theologischen Kampagnentheorie (Dissertation), Stuttgart 2010, S. 268.
(3) Hillebrecht, Steffen W.: Die Praxis kirchlichen Marketings. Die Vermittlung religiöser Werte in der modernen Gesellschaft, Hamburg 2000.
(4) Blanke, Eberhard: a.a.O., S. 270.
(5) 1993 Stadtsuperintendent des ESK, später Präses der Evangelischen Landeskirche im Rheinland (EKiR) und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
(6) In: Kock, Manfred: Misch Dich ein. Standpunkte verstehen, Wandel beginnen. Die Kommunikationskampagne des Evangelischen Stadtkirchenverbandes Köln, Köln 1994, S. 66.
(7) A. Böhmer & D. Klappenbach: Mit Humor & Eleganz [sic!]. Supervision und Coaching in Organisationen und Institutionen, Paderborn 2007.
(8) Ebd., S. 155.

 

Günter A. Menne leitete 23 Jahre lang das Amt für Presse und Kommunikation des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region und fungierte 1992 bis 1994 als Projektleiter der Kommunikationskampagne »misch Dich ein!«, deren Initiator er war. Seit 2007 arbeitet er freiberuflich als Coach und Moderator für Unternehmen und Organisationen in eigener Praxis in Rösrath am grünen Stadtrand von Köln.

29.08.2018