Philosophische Erkundungen

Was ist Wahrheit?

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Was ist Wahrheit?

Bild: ELKB

Was meinen wir, wenn wir sagen, etwas sei wahr? Ich vermute, dass wir unter Wahrheit in der Regel die Übereinstimmung unseres Denkens mit der Wirklichkeit verstehen, auf die sich dieses Denken bezieht. Wenn wir feststellen, dass wir uns getäuscht haben, bringen wir zum Ausdruck, dass es sich »in Wirklichkeit« anders verhält, als wir dachten.

Seit der Erfindung der sogenannten empirischen Wissenschaften in der Renaissance gehen wir davon aus, dass nur das wahr ist, was der Überprüfung durch wiederholbare experimentelle Tests oder durch beliebig oft durchführbare mathematische Berechnungen standhält. Als Bewohner einer aufgeklärten Welt ist uns die Überzeugung in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir die Realität außerhalb unseres Bewusstseins mit den Instrumenten unseres kritischen Geistes erfassen und einen Abgleich von Denken und Sein vornehmen können, dessen Ziel darin besteht, zu einer Übereinstimmung von Denken und Sein zu gelangen. Gleichzeitig gehört es zur Natur des aufgeklärten Denkens, immer wieder kritisch zu fragen, ob und wie sich unsere Subjektivität tatsächlich auf etwas Objektives beziehen kann.

Postfaktische Wetterberichtsfälschungen

Der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu ließ während seiner Regierungszeit den Wetterbericht fälschen. Ceausescus Wetterberichtsfälschung ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel für den totalitären Anspruch von Autokraten, Herr über die Wirklichkeit zu sein und sich um Wahrheit nicht zu scheren. Die Geschichte und Gegenwart autoritärer säkularer und religiöser Regime zeigt, dass Individuen und Institutionen, die über den Willen und die Möglichkeiten verfügen, Andersdenkende auszuschalten, am Ende auch den wissenschaftlichen und medialen Institutionen den Garaus machen, deren Evidenzsicherungs- und Recherchestrategien sich der Schaffung alternativer Fakten unbestechlich widersetzen. Das freie Denken ist der natürliche Feind freiheitseinschränkender Machthaber – seien sie demokratisch gewählt oder nicht.

Wir könnten diese alternativen Fakten nicht als »Fake News«, also als gefälschte Nachrichten bezeichnen, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass es so etwas wie Wahrheit, nämlich eine Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung von Aussagen über Dinge und den Dingen selbst gibt. Aussagen über Dinge und Dinge stimmen dann nicht überein, wenn wir getäuscht werden oder uns selbst täuschen. Im ersten Fall ist das Gegenteil von Wahrheit die Lüge. Im zweiten Fall ist das Gegenteil von Wahrheit der Irrtum. Wer andere täuscht, handelt unmoralisch; wer sich irrt, nicht.

Gewalt im Namen der Wahrheit

Wer religiöse oder andere letzte, naturwissenschaftlich nicht überprüfbare Wahrheitsüberzeugungen vertritt, aber nicht damit leben kann, dass andere seine Wahrheitsansprüche relativieren oder für gegenstandslos halten, weil er nicht über »harte« wissenschaftliche Evidenzsicherungsverfahren verfügt, könnte auf die Idee kommen, unserer pluralismusfreundlichen Moderne die Treue aufzukündigen und seinen Wahrheitsüberzeugungen mit fundamentalistischer Beharrlichkeit oder gar Gewalt Geltung zu verschaffen. Wer mit dem Latein seiner Argumente und seiner Bekenntnisse am Ende ist, aber dennoch die Wahrheit seiner Weltwahrnehmung durchsetzen will, könnte dies zum Beispiel so tun, dass er zum militanten, religiös oder politisch autoritären oder terroristischen Fundamentalisten wird. Er könnte Andersdenkende und Andersglaubende mundtot machen oder töten. Wenn ihm jemand die Macht dazu gibt, dann könnte er agieren wie Hitler, Stalin, Ceausescu, Erdogan, Donald Trump oder andere Autokraten, die Wahrheit weder als Ausdruck eines gewaltlosen, auf Einsicht hoffenden Vernunftgebrauchs noch als überzeugend und wahrhaftig vertretene persönliche Überzeugung auffassen, sondern als eine postfaktische Weltsicht, die sich mit den Mitteln von Macht und Gewalt erschaffen und durchsetzen lässt.

Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Wir bezeichnen Menschen, die so agieren, manchmal als Menschen, die die Wahrheit mit Füßen treten. Mit »Wahrheit« meinen wir in diesem Zusammenhang »wahre Sachverhalte«, um die sich jene nicht mehr scheren, die einer bestimmten Sicht der Dinge autoritär zur Durchsetzung verhelfen. Wir meinen damit aber auch noch etwas anderes: etwas, das sehr viel mit Vorstellungen des Guten zu tun hat. Wenn wir über jemanden sagen, er trete die Wahrheit mit Füßen, bringen wir damit ja auch zum Ausdruck, dass er sich nicht so verhält, wie Menschen sich eigentlich verhalten sollten, nämlich wahrhaftig. Jemand, der nicht wahrhaftig ist, weil er nicht glaubwürdig ist oder an nichts glaubt – vor allem nicht an die Wahrheit und an moralische Überzeugungen –, tritt die Idee eines allgemein wünschenswerten menschlichen Umgangs mit anderen Menschen und mit der Wirklichkeit mit Füßen. Wir hätten das Wesen der Wahrheit also nicht wirklich und nicht vollständig verstanden, wenn wir unter Wahrheit nur die Übereinstimmung unseres Denkens mit der Natur der Dinge und nicht auch die Haltung der Wahrhaftigkeit verstehen würden.

Wahrheit als Leben, wie es sein soll

In der Aussage, ein Mensch sei nicht wahrhaftig, schwingt aber auch noch ein anderes Bild von Wahrheit mit: die Vorstellung nämlich, dass Wahrheit die Übereinstimmung einer Person mit ihren Überzeugungen und letztlich auch die Übereinstimmung einer Person mit ihrer eigentlichen Natur bedeutet, also mit ihrem Wesen oder ihrer Idee. Dieses Verständnis von Wahrheit droht unter der Herrschaft der modernen Wissenschaften, der postfaktischen Wahrheitserzeugungsstrategien und der pluralistischen Beliebigkeit aus dem Blick zu geraten.

Eigentlich muss man buchstäblich metaphysisch denken, wenn man im Sinne des Philosophen Martin Heidegger unter Wahrheit »Unverborgenheit« (griechisch: aletheia), also die Entschleierung des eigentlichen Wesens einer Sache oder einer Person, versteht. Wer metaphysisch denkt, rechnet damit, dass etwas »dahinter« ist, dass also die naturwissenschaftlichen Radarfallen nicht die ganze Wahrheit des von ihnen Geblitzten offenbaren. Streng genommen müsste man sogar sagen, dass uns die naturwissenschaftlichen Radarfallen nur den empirischen Reflex, also gewissermaßen die Schatten der Dinge zeigen. Würden wir diese Schatten als die eigentliche, wahre und ganze Wirklichkeit ansehen, glichen wir Menschen, die die Schatten von Dingen auf einer Höhlenwand für die Dinge selbst halten, ohne zu sehen, dass diese Dinge, während wir auf die Höhlenwand starren, hinter uns vorbeigetragen werden und Schatten werfen, weil das Sonnenlicht in unsere Höhle scheint. Die Wahrheit der Dinge und das eigentliche Licht der Welt würden wir nur erblicken, wenn wir unsere Höhle verlassen würden. So beschrieb es der griechische Philosoph Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis. Platon war davon überzeugt, dass der Mensch mehr ist, als er empirisch ist: nämlich der Abglanz einer göttlichen Idee. Das Allerwirklichste, so Platon, ist nicht das, was wir empirisch feststellen, sondern dessen Urbild. Nicht das, was ist, ist wahr, sondern das, was sein soll.

Wenn wir von wahrer Liebe reden, klingt etwas von dieser Vorstellung nach. Wir meinen damit, dass die Liebe, die wir empfinden, dem Urbild des Liebens entspricht und nicht nur einen müden Abglanz, sondern die leuchtende, vielleicht sogar vollkommene Verwirklichung der Liebe darstellt. Wahre Liebe ist das, was man sich unter Liebe vorstellt. Wahre Liebe ist Liebe, wie sie sein soll.

Die Erfahrung  unbezweifelbarer  subjektiver Unmittelbarkeit

In unserer individualitätsbestimmten Moderne ist Wahrheit allerdings weniger mit metaphysischer Objektivität, sondern vielmehr mit Subjektivität verknüpft. Wir alle machen unentwegt die Erfahrung, dass unsere Gefühle eine Wahrheit verbürgen, die wir nicht beweisen können, aber von der wir felsenfest überzeugt sind. Der Satz »Ich habe Schmerzen« ist unwiderleglich. Wir können uns nicht täuschen, wenn wir Schmerzen haben. Die Vorstellung, dass wir dennoch wissen wollen könnten, ob es wahr ist, dass wir Schmerzen haben, ist absurd. Offenkundig gibt es Einsichten, Erfahrungen, Gefühle und ein Wissen, das so unmittelbar mit uns selbst verbunden ist, dass wir an seiner Wahrheit auch dann nicht zweifeln können, wenn wir kein Korrelat unseres innenweltlichen Wahrheitsbewusstseins außerhalb unserer selbst detektieren können. Es gibt Wahrheiten, die nicht als Informationen über etwas oder jemanden in der dritten Person objektivierbar, aber trotzdem wahr sind. Dass ich mich als Ich erlebe, ist unbezweifelbar wahr, weil es von einer unwiderleglichen Gewissheit begleitet ist. Wir wären nicht wir, wenn es anders wäre. Und es ist unmöglich, dass wir nicht wir sind, sosehr es zum Wesen modernen Menschseins gehört, immer wieder an sich selbst zu zweifeln, die Erfahrung der Selbstentzogenheit zu machen und immer wieder darüber zu erschrecken, wie wenig wir uns doch letztlich kennen.

Wer wir in Wahrheit sind

Und weil wir uns so wenig kennen, suchen wir nach uns und fragen uns, wer wir in Wahrheit sind. Der französische Dichter Arthur Rimbaud brachte das Sich-selbst-anders-Sehen und Anders-gesehen-Werden des Menschen auf den Punkt der berühmten Formulierung »Ich ist ein Anderer«. Und der Theologe Dietrich Bonhoeffer thematisierte die Identitätsungewissheit des Menschen, die Vielfalt der Perspektiven auf ein und denselben Menschen und das Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdwahrnehmung in einem Gedicht: »Wer bin ich? [...] Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? [...] Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich?« Bonhoeffer unternahm es nicht, den von ihm erlebten Pluralismus der persönlichen Identitäten und Identitätszuschreibungen in einer inneren Selbstgewissheit aufzuheben, sondern stellte die Identifizierung der wahren Identität seiner Person ganz im Sinne von Martin Luther Gott anheim, dem allein aus rechtfertigungstheologischer Sicht die Definitionsmacht über den Menschen und die definitive Identifizierung des Menschen zukommen kann: »Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin. Du kennst mich. Dein bin ich, o Gott!« Gott weiß, wer wir in Wahrheit sind – nicht zuletzt deshalb, weil Gott selbst die Wahrheit ist. – Wer davon überzeugt ist, befindet sich aber nicht mehr auf einer philosophischen Erkundung, sondern hat längst theologisches Terrain betreten.

Professor Dr. Ralf Frisch lehrt Systematische Theologie und Philosophie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg und ist Theologischer Referent bei der Landessynode der ELKB.


30.11.2016