Zur Theologie einer vorurteilsfreien Gastfreundschaft

Kasualien auf dem Prüfstand

na 2021-4 Leseprobe

Taufe, Hochzeit und kirchliche Bestattung sind nicht mehr selbstverständlich. Wie die Kirche darauf reagieren kann, beleuchtet Emilia Handke in Ihrem Beitrag

Bild: ELKB

Jahrhundertelang konnten die Kirchen von der selbstverständlichen familialen religiösen Tradierung leben. Dies betraf auch und vor allem die sogenannten Kasualien: Taufe, Konfirmation oder Firmung, kirchliche Hochzeit und kirchliche Bestattung waren Tradition, sie gehörten dazu, es gab einfach gar keine Alternative. Diese quasi automatische intergenerationale Weitergabe ist heute empfindlich infrage gestellt.

Dabei sind mehrere Faktoren der Verunsicherung zu diagnostizieren: Als Erstes ist die weltanschauliche Verschiedenheit innerhalb einer Partnerschaft zu nennen – längst nicht alle Partner sind heute noch religiös-kirchlich sozialisiert worden oder haben diese Sozialisation für sich selbst für gut befunden. Steht die Hochzeit oder die Geburt eines gemeinsamen Kindes an, dann muss die eigene religiöse Lebensoption auf einmal offensiv vertreten und verteidigt werden – und zwar gegenüber demjenigen, mit dem man sein Leben teilen will und der oder die mitunter gänzlich andere Auffassungen oder Prägungen vorzuweisen hat.

Eine Option, die vielleicht gar keine ist

Als Kompromiss wird die Tauf-Entscheidung dann häufig an das Kind selbst delegiert: »Das soll es später einmal selbst entscheiden! Wir wollen da nichts vorgeben.« Wird dieses Kind jedoch von den Eltern nicht trotzdem wenigstens in einem gewissen Maße durch Gebet, Kita, Kinderkirche oder Schule religiös-kirchlich sozialisiert, dann hat es streng genommen auch keine wirklich freie Entscheidung mehr: Es hat ja dann die Option, für die es sich später einmal entscheiden können soll, gar nicht erst kennengelernt.

Kinder alleinerziehender Mütter werden kaum getauft

Der zweite wichtige Faktor, der die innerfamiliale Weitergabe der Taufe erschwert, ist die Situation alleinerziehender Elternteile. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD hat gezeigt, dass Kinder von nicht verheirateten evangelischen Müttern trotz einem hohen persönlichen Interesse dieser Mütter an der Taufe faktisch überwiegend nicht getauft werden.1 Neben der Herausforderung, eine Taufe zwischen getrennt lebenden Eltern zu organisieren, ist dies vor allem auf das als unzureichend wahrgenommene Passungsverhältnis der eigenen Familiensituation gegenüber dem zugeschriebenen kirchlichen Familienbild zurückzuführen und verweist nachdrücklich auf die Notwendigkeit der Schaffung und Bewerbung von anderen Taufanlässen wie Tauffesten.2

Kasueller Traditionsabbruch

Der dritte Faktor hat damit zu tun, dass wir als Kirche heutzutage bei jeder Kasualie immer auch auf dem Prüfstand3 stehen: Eltern, Angehörige und Gäste überprüfen bei allen Kasualien, ob das, was dort gesagt und gefeiert wird, ausreichend mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Die Verbindlichkeit besteht heute nicht mehr zwingend »einer Gruppe oder Tradition, sondern [vor allem] sich selbst gegenüber«4. Addieren sich dazu viertens generelle Entfremdungsprozesse von Kirche und Gemeinde, verwundert es wenig, dass im Jahr 2017 in der Nordkirche mit ihrem Gebiet aus Stadt und Land, Ost und West nur noch 63 Prozent der Kinder mit mindestens einem evangelischen Elternteil bis zur Vollendung des 14. Lebensjahrs getauft worden sind.5 In anderen Landeskirchen dürfte dieses Verhältnis nicht wesentlich besser aussehen. Dieser kasuelle Traditionsabbruch ist dramatisch, und die Landeskirchen sind gut beraten, bei dieser Herausforderung so schnell wie möglich in die Offensive zu gehen. Was könnte das heißen?

Was hilft die Taufe?

Als Allererstes ist auf elementar verständliche Weise die theologische Grundsatzfrage zu beantworten, warum Eltern ihr Kind heute überhaupt taufen lassen sollten. Was »hilft« die Taufe? Was bedeutet sie? Wenn man sich auf diese Frage einlässt, merkt man schnell, dass es brenzlig wird: »Wenn es einen Gott gibt, dann hat der mein Kind wohl trotzdem lieb – auch ohne Taufe« … Ja, aber warum braucht es dann die Taufe noch? Diese Herausforderung stellt sich Pastorinnen und Pastoren auf allen Ebenen: im persönlichen Gespräch mit einem Gemeindeglied, beim zufälligen Gespräch im Friseursalon, im Radio, im Taufgottesdienst, auf der Website der Gemeinde, im Begrüßungsbrief an Neugeborene auf dem eigenen Gemeindegebiet. Mein Vorschlag: Taufe ist eine Liebeserklärung von Gott. Die Liebe Gottes zu dem Kind gilt natürlich auch ohne Taufe, aber es macht eben – wie bei jeder Liebeserklärung im Leben – einen Unterschied, ob sie jemand ausspricht oder nicht.

Die Menschen brauchen nicht nur Informationen, sondern auch Atmosphären

Wenn die Taufe eine Liebeserklärung Gottes ist, dann gilt es, diese Liebe Gottes auch freimütig in der Welt zu zeigen. Wie aber zeigen wir diese Liebe in unserer kirchlichen Taufkommunikation? Wie freigiebig sind wir mit »unseren« Gottesorten – taufen wir neben der Kirche auch in Gottes freier Natur? Die Erfahrungen vom Hamburger Elbtauffest 2019 zeigen, dass Menschen neben einem konkreten Anlass zur Aktivierung ihres latent vorhandenen Taufwunsches, gezielten Informationen auch verschiedene Motive und Atmosphären brauchen, in die sie ihr Leben einhaken können: Hier war es vor allem die Elbe, mit der sich viele Hamburger tief verbunden fühlen – aber auch das Fest in einer großen Gemeinschaft am Strand. Mit diesen Bildern lässt sich diese Liebe irgendwie sichtbar machen – es ist eine Theologie der Bilder, die ermöglicht, dass sich das Gefühl freisetzt: Da spricht etwas zu mir, das spricht mich an. Und sagt oft mehr als tausend Worte.

Adressatenorientierung heißt nichts anderes als Nächstenliebe

Liebe zu zeigen hat etwas mit Haltung zu tun. Eine Kirche, die im Dialog mit den Bedürfnissen der Menschen sein will, sollte keine andere Haltung einnehmen als die der vorurteilsfreien Gastfreundschaft (vgl. Ulrike Wagner-Rau). Adressatenorientierung heißt theologisch übersetzt nichts anderes als »Nächstenliebe«. Aus dieser Haltung heraus können wir beherzt und kreativ geistlich tätig werden – Gott selbst bindet sich ja weder ausschließlich an einzelne Orte noch an bestimmte Melodien, Musikstücke oder Instrumente. Wir sind keine theologischen Gutachter/-innen, wir sind menschliche Gastgeber/-innen. Und dabei stellen wir zunehmend fest, dass Menschen heute eben mitunter verschiedene Traditionen mitbringen, wenn wir als Kirche zum Fest einladen. Der Soziologe Andreas Reckwitz hält das für ein Signum des modernen Menschen, der heute eben weniger unter der Maßgabe des »Entweder-oder« als vielmehr des »Sowohl-als-auch« lebt: »Man muss sich nicht zwischen dieser oder jener Kultur entscheiden, sondern kann problemlos kulturelle Versatzstücke […] miteinander kombinieren. Vor dem Hintergrund des Fremden kann dann auch wieder eine partielle Rückbesinnung auf die lokale oder nationale Kultur stattfinden.«6 So wie das spätmoderne Subjekt selbst diese Traditionen im eigenen Leben kuratiert, so ist es auch die Aufgabe der kirchlichen Gastgeber »aus dem Disparaten ein stimmiges Ganzes [zu] machen« (a. a. o.).

Stärker um die Sympathie der Menschen werben

Anders gesprochen: Es ist unsere Aufgabe, das Mitgebrachte und Gewünschte sinnvoll einzubinden und das Evangelium darin zum Leuchten zu bringen. Wenn wir das nicht tun, dann steht an unserer Stelle eine wachsende Zahl freier Ritualbegleiter bereit. Sie warten nicht auf uns. Mit ihnen werden wir von unseren Kirchenmitgliedern jedoch verglichen – sie prüfen mit Recht, ob sie anspricht und berührt, was wir sagen und feiern.7 Eine Kirche, in deren Umfeld die Selbstverständlichkeit der religiösen Tradierung und der klassischen Partizipationsformen schwindet, wird stärker auf diese Menschen zugehen und um ihre Sympathie werben müssen. Das ist anstrengend, aber lohnenswert – und tatsächlich alternativlos. In Hamburg ist es aktuell mindestens die Hälfte der Kirchenmitglieder, die Taufe, Trauung und Bestattung nicht mehr in Anspruch nimmt. Das zwingt uns, nicht mehr nur von einer Komm-Struktur, sondern noch mehr von einer Geh-Struktur aus zu denken: von der Erfüllung eines Kasualbegehrens hin zur Aktivierung eines Kasualbegehrens.

Wie wir uns zeigen, das wird mit über unsere Zukunft entscheiden. Sympathisch sind wir als großzügige Gastgeber auf Augenhöhe, die nicht über das Mitgebrachte meckern, sondern sich daran erfreuen. Damit geht es in erster Linie um Imagearbeit: ­
Wir müssen uns als Kirche im Dialog erweisen, um als religiöse und soziale Instanz »glaub-würdig« zu sein.

Dr. Emilia Handke leitet als Pastorin das Werk »Kirche im Dialog« der Nordkirche und ist Lehrbeauftragte der Universität Hamburg.

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1   Vgl. Sozialwissenschaftliches Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland, Analysen zum Taufverhalten der evangelischen Bevölkerung in Deutschland, Hannover 2006, 8 f.
2    Vgl. dazu auch Claudia Schulz, Methodischer Zuschnitt der Studie »Taufentscheidungen erkunden und verstehen«, in: Folkert Fendler / Dies. (Hg.), Taufentscheidungen erkunden und verstehen (Gottesdienstqualität. Veröffentlichungen des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst 1), Hildesheim 2013, 6-27, 10.18 f.
3    Vgl. Michael Domsgen, Kirche auf dem Prüfstand. Perspektiven von Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie deren Familien in Ost und West, in: Ders. / Emilia Handke (Hg.), Lebensübergänge begleiten. Was sich von Religiösen Jugendfeiern lernen lässt, Leipzig 2016, 122-139, 124.
4     Dorothea Lüddeckens, Neue Rituale für alle Lebenslagen. Beobachtungen zur Popularisierung des Ritualdiskurses, in: ZRGG 56 (2004) 1, 37–53, 51.
5     Für diese Auskunft danke ich Statistikreferent Jörg Petersen.
6     Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, 301.
7     Freie Ritualbegleiter aus Österreich vermuteten im Rahmen einer Internetbefragung aus dem Jahr 2013 bei ihren Kundinnen und Kunden insgesamt am häufigsten »Unzufriedenheit mit kirchlichen Angeboten«, »Entfremdung von den etablierten Kirchen« und den Wunsch nach »individueller Betreuung« bzw. die »große Gestaltungsfreiheit« als Entscheidungsgründe, vgl. Teresa Schweighofer, Individuell und einmalig – Freie Rituale in Österreich, in: Hans Gerald Hödl / Johann Pock / Dies. (Hg.), Christliche Rituale im Wandel. Schlaglichter aus theologischer und religionswissenschaftlicher Sicht, Göttingen 2017, 143–157, 152.

26.11.2021 / C.L.