Erfahrungen aus einer niederbayerischen Gemeinde

Nah – und doch fremd

na 2019-3 Leseprobe

Nah - und doch fremd: Pfarrer Julian Lademann berichtete von seinen Erfahungen mit nigerianischen Flüchtlingen in seiner Gemeinde

Bild: ELKB

Es begann mit einem normalen Taufgottesdienst. Beim Verabschieden an der Kirchentür blieben drei schüchterne Damen aus Nigeria zurück. Etwas unbeholfen erklärten sie: So etwas möchten sie auch.

Die Damen wohnten bei uns in verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete, wie sie erläuterten. Zwei Babys gab es schon, das Dritte war sichtbar auf dem Weg. Als Gemeindepfarrer bin ich dieser Taufanfrage zunächst sehr routiniert und preußisch nachgegangen. Doch schon beim gemeinsamen Ausfüllen der Taufanmeldungen gerieten wir ins Stocken. Über die Erzeuger der Kinder möchten sie, so übersetzte es mir die Ehrenamtliche von der Bürgerinitiative, nicht sprechen. Kein Wort, auch nicht über die Flucht oder das Leben in Nigeria. Vergangenheit ist Vergangenheit. Damit war auch das übliche Taufgespräch sehr knapp gesteckt. Eine Kindertaufe kannten sie bisher nicht. Die Damen selbst wären als Erwachsene in einem Fluss getauft worden. Sie seien »Pentacostals«, Pfingstlerinnen. Kirchliche Dokumente für unsere Kirchenbücher gäbe es natürlich keine. Es folgen zahlreiche E-Mails und Telefonate mit dem Ökumenereferat in München und dem örtlichen Standesamt. Die Taufvorbereitungen nahmen ihren Weg.

Weiße Taufkleider

Inzwischen waren sieben nigerianische Säuglinge zusammengekommen. Für unsere kleine Gemeinde mit gut 1700 Gemeindegliedern wurde dies zu einem ökumenischen Großprojekt. Es galt Taufpaten zu finden. Eine Konfirmandenmutter, Kirchenvorsteherinnen, der Kirchenpfleger, eine Jugendliche und auch katholische Nachbarn erklärten sofort ihre Bereitschaft. Und dann kam er endlich, der Tag der Taufe. Der Gospelchor sang »Oh Happy Day«. Eine Hopfenbäuerin, die selbst Taufkleider nähte, machte uns eine große Freude: Sieben schneeweiße Taufkleidchen trug ich aus ihrem alten Hopfenhof – als kostenlose Leihgabe. Ein älteres Gemeindeglied, das im Krieg Übersetzer bei den Amerikanern gewesen war, las eindrucksvoll davon, wie Jesus die Kindlein segnet. Viele waren gekommen, die Bürgerinitiative, die Schneiderin, der Bürgermeister und nigerianische Gäste aus dem Großraum München.

Tränen der Rührung

Eine der Mütter, fast selbst noch ein Kind, ließ sich ebenfalls taufen. Erfüllt schloss sie dabei ihre Augen und hob ihre Hände zum Himmel. Die Namen der Kinder, sie sprachen Bände. »Blessing«, »Grace«. Sie erzählten von Hoffnung und Neubeginn fern der traumatischen Flucht über das Mittelmeer. Als dann die Kinder in ihren weißen Kleidchen an die Taufschale getragen wurden, flossen Tränen, nicht nur bei den nigerianischen Damen.

Kein Tanz im Gottesdienst

Nach der Taufe und dem großen Tauffest im Gemeindesaal blieben die Mütter und ihre Kinder. Sie kamen nun jeden Sonntag. Das kenne ich als Gemeindepfarrer durchaus anders. Es folgten viele Begegnungen, aber auch Fragen. Wer denn dieser Martin Luther sei, konnten wir ihnen nur unzureichend erklären (irgendein Deutscher eben). Sie wunderten sich, dass wir im Gottesdienst so viel saßen und nicht tanzten. Das Glaubensbekenntnis auf Englisch ausgedruckt war unnötig, sprachen wir es doch auf Deutsch. Auch für uns im Kirchenvorstand gab es plötzlich Diskussionen, die lange nicht geführt worden waren. Plötzlich waren da wieder Kinder in unserem Gottesdienst. Diese begannen, im Altarraum lautstark zu toben, was schließlich zum Sturz der Osterkerze führte.

Enttäuschungen und Vorurteile

Lasst die Kindlein zu mir kommen, natürlich. Aber müssen die Kindlein so laut sein während der Predigt? Was sollten wir tun? Vielleicht eine Spielecke einrichten? Wie redet man mit Müttern über Erziehungsstil, wie spricht man so etwas an? Trotz aller Mühen blieb das Gefühl, dass man sich irgendwie im tiefsten Kern fremd blieb. Zwischen manchen Ansichten lagen Welten. In den Wohnheimen, so erfuhren wir von den Betreuenden, gab es Rivalitäten und Streitigkeiten unter den Damen. Als Kirchengemeinde blieben wir außen vor. Genauso haben aber auch wir weder unsere gemeindeinternen noch die privaten Konflikte mit ihnen geteilt. Es gab Unausgesprochenes, unangenehme Gespräche über Geld und Enttäuschungen auf beiden Seiten, auch Vorurteile und manch böses Wort aus der Gemeinde.

Leuchtende Kinderaugen

Und trotzdem waren da die vielen gelungenen Begegnungen, gemeinsam ging man durch das Kirchenjahr: Leuchtende Kinderaugen beim Entzünden des Adventskranzes. Wie schmeckt Christstollen? Vorsichtiges Mitsummen bei Weihnachtsliedern. Afrikanische Festgewänder beim Gottesdienst im Hopfengarten. Die bewundernde Wahrnehmung, wie intensiv und schön das Händereichen bei der Feier des Abendmahls sein kann. Nigerianische Kuchen für unsere Gemeindefeste, die geschmeckt fast nur aus Zucker bestanden. Das selbstverständliche Teilen von Erntedankgaben. Dass der Pfarrer im Hopfenland Bier trinkt – unvorstellbar. Die Geistlichen, die unsere Nigerianerinnen kannten, warnten vor solchen teuflischen Versuchungen. Säuglinge, die im Gottesdienst von den Müttern voller Urvertrauen und ungefragt einfach an die Sitznachbarin weitergeben wurden. Ältere Damen, die sich vor Freude und Vorsicht um das kleine Bündel gar nicht mehr trauten, sich zu bewegen. Die Texte des Propheten Jesaja, Fluchtgeschichten und Exil, die uns wichtig wurden, und der daraus resultierende Gedanke, dass es bei Gott so etwas wie »Heimat« gibt.

Umzüge und Ausweisungen

Plötzlich erzählten auch unsere Seniorinnen ihre Fluchtgeschichten nach dem Weltkrieg. Wir teilten Ängste vor Abschiebungen und die Enttäuschungen, dass in Deutschland geborene Kinder nicht automatisch deutsch sind und hierbleiben können. Dann kam die Konfirmation, ein fremdes Fest und doch großes Staunen. Auch hier schien es, als ahnten die nigerianischen Frauen erneut, was eine Kindertaufe mit sich bringt. Die Zeit verging, es kamen Umzüge, Statusanerkennungen, aber auch Ausweisungen und Verlegungen. Man ging auseinander – wie das in einer Kirchengemeinde so ist, so wie auch die Menschen und Lebensentwürfe darin völlig unterschiedlich sind. Manche Taufpaten hielten trotzdem Kontakt. Es gab und gibt Besuche zu Geburtstagen. Diejenigen Frauen, die in der Unterkunft blieben, kamen irgendwann nicht mehr jeden Sonntag. Augenzwinkernd gesagt, hatten sie sich so gut integriert, dass sie wie die meisten unserer Gemeindeglieder zu den großen Festen in die Kirche gehen.

Was aber hat dazu beigetragen, dass wir für eine kurze, aber sehr intensive Zeit, solch eine »Gottesdienstgemeinde auf Zeit« sein durften? Einmal natürlich waren es mutige, offene Menschen auf beiden Seiten und auch ein besonnener Kirchenvorstand. Da waren hochengagierte Ehrenamtliche einer Bürgerinitiative, die sich um alle organisatorischen und bürokratischen Belange gekümmert haben. Hinzu kam eine professionelle und enge Begleitung durch die Asylsozialberatung der Diakonie Freising. Dies hat uns einen weiten Raum für geistliche Gemeinschaft und Gemeindeleben geschenkt! Wir haben vor allem miteinander Gottesdienste gefeiert und Glauben geteilt. Wir hatten Zeit für echte Begegnungen auf Augenhöhe.

Und anderseits, davon bin ich inzwischen fest überzeugt, war es der verbindende Gedanke der Taufe. Er hat es möglich gemacht, immer wieder neu aufeinander zuzugehen. Trotz aller Unterschiede und Verständigungsschwierigkeiten, trotz manchen Scheiterns war man doch verbunden: »Brothers and Sisters«. Das kann Mut machen.

Pfarrer Julian Lademann ist Gemeindepfarrer in Penzberg. Die oben geschilderten Begegnungen erlebte er 2014, zu Beginn der Fluchtbewegungen, als Pfarrer in der Kirchengemeinde Au in der Hallertau.


26.08.2019 / C.L.